Überregional 23. Januar 2017

Azan Garo gewinnt den Chemnitzer Theaterpreis für junge Dramatik


Das Stück „InnerOuterCity“ ist eine interessante Collage zum Thema „Wie kaputt (oder ganz) ist unsere Welt“? – Es wird am 28. April im Chemnitzer Schauspielhaus uraufgeführt.-

Die Nachricht erreichte Azan Garo per Mail in Odessa am Schwarzen Meer. Fast ungläubig schrieb der 1988 in Brasilien geborene und heute in Berlin lebende Autor nach Chemnitz zurück: „Welch wunderbare Überraschung!...Vermutlich werde ich die Nachricht erst glauben und  begreifen, wenn Sie es mir noch einmal bestätigen und mir über die näheren Umstände berichten.“ Kein Problem: Die Jury des Chemnitzer Theaterpreises für junge Dramatik hatte die „Dramatischen Anrisse einer allgemeinen Verunsicherung in 29 Szenen“ (Untertitel) bei der Jury-Sitzung am 12. Dezember 2016 einstimmig getroffen. Das teilten die Theater Chemnitz heute mit.

Der mit 5000,- € dotierte Preis ist mit einer Uraufführung am Schauspiel Chemnitz verbunden. In der Regie von Stephan Beer feiert „InnerOuterCity“ am 28. April 2017 im Ostflügel des Schauspielhauses Premiere.

Die fünfköpfige Jury, bestehend aus Harald Müller (Verlagsleiter von Theater der Zeit), Johannes Schulze (Vorsitzender des Fördervereins der Theater Chemnitz), Stephan Beer (Regisseur), Ulrike Euen (Schauspielerin) und René Schmidt (Dramaturg), wählte das Preisträgerstück aus 54 Einsendungen aus.

Aus der Vielzahl qualitativ hochwertiger Stücke entschied sich die Jury für einen Theatertext, der in seiner offenen Form provoziert. Damit ist nicht allein der dekonstruktive Zugriff auf Terrorparanoia, postfaktische Moral, das Gefühl allgemeiner Bedrohung und westlichen Narzissmus gewürdigt, sondern ebenso die offene Form des Textes. Er unterläuft Rezeptionsgewohnheiten und irritiert mit einem Pluralismus an Mitteln, seine hart gefügten Schnitte verändern schlagartig Deutungen und intensivieren beim Rezipienten das Gefühl unbestimmter Bedrohung. Der Text ist weniger als ein geschlossenes Ganzes zu interpretieren, vielmehr spielt er klug Versatzstücke zeitgenössischen Bewusstseins an.

Darüber hinaus erwähnt die Jury lobend Mehdi Moradpours Text „reines land“. Moradpour erzählt auf berührende Weise von der Unbehaustheit der Migrantin Tara, ihrem Überleben in der Heimat unter Bürgerkriegsbedingungen, ihrer Flucht nach Deutschland, dem peniblen Verhör durch die Einwanderungsbehörden sowie Taras Hoffnungen auf ein Ankommen im fremden Land. Ja, beinahe scheint sie es zu schaffen. Ihre Hoffnungen zerschlagen sich allerdings, weil ihr Freund, von dem sie ein Kind erwartet, in die weite Welt aufbricht, um sich zu finden. Zwei Perspektiven prallen unvereinbar aufeinander.

Der Chemnitzer Theaterpreis für junge Dramatik wurde 2017 zum vierten Mal verliehen. Die vorherigen Gewinnerstücke waren „Die Erben des Galilei“ von Martin Bauch (2014), „Zerstörte Seele“ von Jan Peterhanwahr (2015) und „die zärtlichkeit der hunde“ von Uta Bierbaum (2016).

Der Chemnitzer Theaterpreis für junge Dramatik wird vom Theaterförderverein unterstützt.

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