Rund ums Theater 16. Januar 2018

Heimat


Spielzeit im Kraftwerk am Montag: Musik aus tschechischem Herzen--

Beeindruckend, was Jakub Tylman immer wieder auf die Beine stellt. Der Solocellist der Robert-Schumann-Philharmonie und Initiator der Spielzeiten im Chemnitzer „Kraftwerk“ bringt an den Montagen, die inzwischen schon eine Art Kultstatus haben, nicht einfach nur ein paar Musiker zusammen, die irgendwelche tollen Stücke spielen. Jedes Mal steckt eine Idee dahinter. Gestern, Montag, war es die Heimat, seine, seiner Mitspieler und der Komponisten, die er den Menschen am Fuß des Chemnitzer Kaßbergs beim „Besuch aus Prag“ vorstellen wollte. Quasi als Gesamtpaket. Die Sachsen im vollbesetzten Kraftwerk-Saal spürten die ferne Nähe und waren begeistert. „Was für ein schöner Auftakt in die Woche und in das eben begonnene neue Jahr!“, schwärmte die dankbare Hausherrin Ute Kiehn-Dziuballa.

Tylman, Jahrgang 1983, ist mittlerweile mit seiner Familie auf dem Kaßberg heimisch geworden. Aber er liebt die Musik seiner tschechischen Heimat, und er scheut sich auch nicht, unbekannte Werke mitzubringen. Tylman muss nicht mit Ohrwürmern um Beifall betteln: Leoš Janáčeks „Pohádka“-„Das Märchen“, eins von nur zwei Werken, die Janáček für Cello und Klavier geschrieben hat, ist so melancholisch (vielleicht in der Trauer über die verstorbene Tochter), dann wieder so aufraffend (das Leben muss weitergehen), dass es dem Cello und dem Cellisten alles abverlangt: eckige Pizzikato-Arpeggien und Sentiment und Ton, und gedämpfte Liedbögen. Tylman spürt dem Komponisten nach, und er weiß – bei Gott – wie man mit einem einzigen Piano-Ton das Kraftwerk füllen und die Zuhörer mitschwingen lassen kann.

Ludmilla Pavlová, 1994 geboren, kann auf der Geige alles, hat ein vielbeachtetes Konzert zum Gedenken an den 100. Geburtstag von Yehudi Menuhin gespielt und durfte Meisterkurse bei Anne-Sophie Mutter besuchen. Aber sie hat sich auch ganz der Musik ihrer Heimat verschrieben – hat alles gespielt, was Dvořák für die Geige komponiert hat. Und die anderen tschechischen Großen. Smetana etwa. „Z Domoviny“ – „Aus der Heimat“ – gleich das erste Stück bestimmte die Atmosphäre des ganzen Abends. Was für einen herrlichen Ton kann diese junge Geigerin produzieren – auch ganz oben auf A- oder E-Saite. Und wie musikalisch perfekt kann sie mit einem einfachen gezupften Plim-Plum einen Satz traumhaft schön ausklingen lassen.

Stanislav Gallin, 1981 in Russland geboren, aber längst in Tschechien daheim, ist ein in der ganzen Welt geschätzter Pianist und Begleiter.  Auch mit Tylman und Ludmilla Pavlová ist er schon oft aufgetreten. Die verstehen sich, die drei. Und wer grad nichts zu tun hat, blättert ganz unprätentiös dem Pianisten die Noten um… Das musste er selbst tun, bei Dvořáks bisweilen höchst virtuosem Klavierpart des „Dumky“-Trios.  Dvořák war in die Dumka, den Tanz seiner Heimat, verliebt – jene unnachahmliche Mischung und Aufeinanderfolge von rührender Einfalt und flottfrechem Ausleben der Sinne. Der Blüthner-Flügel im Kraftwerk ist in die Jahre gekommen – Ute Kiehn-Dziuballa will ihm zurecht dieses Jahr eine Fischzellen-Kur angedeihen lassen. Aber das stört Gallin nicht, wenn er mit der Kollegin und dem Kollegen dieses erztschechische Meisterwerk spielt. Er brilliert, wo das gefragt ist, aber er hämmert nicht die tapferen Saitenkonkurrenten in Grund und Boden. Ganz im Gegenteil: er versucht, ihnen klanglich nahezukommen, sie zu reizen und ihre Anregungen aufzunehmen. Tolles Werk, tolle Musiker, tolles Zusammenspiel.

Chemnitz - Prag. Gerade mal 170 km. So fern, dann wieder so nah. Schön und willkommen, dieser herzliche Besuch aus Prag – „bis irgendwann mal wieder“ verabschiedete langer Beifall der Sachsen diesseits des Erzgebirges die Gäste von jenseits des Gebirges nach einer Stunde, die wirklich ein „Pohádka“, ein Märchen, war…

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