Aus den Häusern 15. April 2018

Getanzter Rausch der Farben


Premiere im Rückblick: Fantastischer Ballettabend gestern im Chemnitzer Opernhaus mit Prokofjews „Romeo und Julia“--

Ohne Zweifel: das war die fantastischste und erfolgreichste Ballettpremiere der vergangenen Jahre: der italienische Regisseur und Choreograf Luciana Cannito hat seine vielgepriesene Produktion von „Romeo und Julia“ aus Palermo (2008) nach Chemnitz gebracht. Das Publikum im gut besetzten Chemnitzer Opernhaus war aus dem Häuschen. Opernliebling Guibee Yang postete verzückt gleich im Anschluss auf Facebook: „Es war soooooooo fantastisch!!!!!! Die Premiere Romeo und Julia♥️ Ich war so begeistert!!!! Nicht verpassen! Es stimmt alles! Tolle Musik, tolle Tänzern, tolle Choreografie und tolle Energie.. Danke für den so superschönen Abend!!!!“

Eigentlich alles gesagt. Trotzdem Spurensuche. Warum wurde gerade diese Premiere zu einem solchen Fest?

Da ist erstmal Sabrina Sadowska, seit dieser Spielzeit Ballettdirektorin. Sie weiß, dass die Chemnitzer modernes Ballett verstehen und ihre Company lieben. Sie spürte aber auch die unterschwellige Sehnsucht nach „klassischem“ Tanz. Sie suchte, und fand: Luciano Cannito ist einer, der beides bestens kann. So kommt Spitzentanz zu Ehren (Natalia Krekou ist eine traumhafte Julia. – Darauf kommen wir noch), aber auch Gruppentänze im besten „West Side Story“-Stil (man weiß immer noch nicht, was mehr begeistert: der Mut Bernsteins, nach einem Prokofjew zum gleichen Thema noch einen draufzusetzen oder die geniale filmische Umsetzung 1961 durch Robert Wise und Jerome Robbins), aber auch die mit Zwischenbeifall umjubelten Break-Dance-Einlagen von Spezialist David Neubert (als „Balthasar“) und dem ihm kaum nachstehenden Ensemblemitglied Ivan Cheranev (als „Benvolio“). Alles drin. Auch Walzer, für die, die’s mögen.

Luciano Cannito ist ein großartiger Erzähler. Er vergisst nichts, aber auch gar nichts, was dem Zuschauer, der nicht so ganz im Stoff steckt, helfen kann zu verstehen. Solisten und Ensemble sprechen tanzend ohne Sprache, Bilder sagen mehr als tausend Worte. Dieses blutige Rot über die ganze Bühne, das mit dem Orchesterschlag aufflammend den tödlichen Dolchstich illustriert, das Bett, das unter dem Balkon hervorfährt – träumerischer Sehnsuchtsort für Romeo und seine Julia statt dem üblichen Canzonengeklimpere des nächtlichen Verliebten unter dem Veroneser Balkon, dieses Bett, Sehnsuchtsort einst, dann das Laken der Vereinigung, wenn auch im tragischen Tod in der Familiengruft. Was für eine Idee – das ist nicht nur bühnentechnisch genial gelöst. Und, ganz nebenbei, die beiden brauchen keinen Dolch, damit jeder versteht – während manche noch immer forschen, wo denn Notung abgeblieben ist in Wagemakers „Walküre“.

So sehr die „leisen“ Momente ans Herz gehen, so fröhlich jauchzend die Straßenszenen. Da darf’s ruhig auch mal des Guten ein bisschen viel sein: wenn der Trabifiat aus dem Motorraum qualmt, die Händler (bei dieser Gelegenheit mal ein besonders Kompliment an das Casting und die mitwirkenden Statisten und die rührend cleveren Straßenkinder aus der Chemnitzer Ballettschule) für die Touris ihre Waren auspacken, oder es gar zu einer veritablen Kissenschlacht kommt. „Das ist wie im Westen“, meinte eine Besucherin zu diesen lebensprallen Genreszenen voller bunter Farben und kleiner Geschichten. Nicht immer fliegen nur Kissen, bisweilen auch Fäuste. Und Messer stechen. Mercutio, eben noch alberne „Braut“ im fiktiven Volksnarren-Hochzeitszug kriegt’s zu spüren. Raul Arcangelo hat in diesem Mercutio eine Traumrolle gefunden – gut ist er immer, aber so herausragend haben wir ihn noch nie erlebt. Wie er – stolz, aber tödlich getroffen – Tybald (beeindruckend adelig Milan Maláč) stolpernd vortanzt, wer der wahre Sieger zumindest der Herzen ist, das ist Sonderklasse.



Die sind, ohne Abstriche, auch Natalia Krekou, die Julia, und ihr Romeo Jean-Blaise Druenne. Tänzerisch perfekt (nicht nur auf den Spitzen), aber auch schauspielerisch von einer Kraft, die diese Zartheit eigentlich gar nicht erlaubt, in Figuren, die aus dem Rock ‘n‘ Roll stammen könnten und doch so klassisch wirken. Wenn Julia zeigt, dass sie den ihr verordneten Grafen Paris (Emilijus Miliauskas tanzt diese undankbare Rolle in aller Zurückhaltung und Hoffnung) nicht will, gelingt ihr das mit einer Mimik und Gestik, als ob sie Schauspielkunst studiert hätte.

Großartig auch Nela Mrázová als Amme (sie alterniert mit Natalia Krekou bei den künftigen Aufführungen in der jeweiligen Rolle), Yester Mulens Garcia („Dr. Lorenzo“, in einer Rolle zusammengefasst Arzt und Priester) – und natürlich das Grafenpaar Capulet Benjamin Kirkmann und – ja, Sabrina Sadowska, die Chefin, die sich hatte überreden lassen, selbst nochmal auf und nicht am Rand der Bühne zu stehen und – zu Recht – am Schluss den Beifall inmitten ihrer Schützlinge mitgenießen durfte.


Prokofjews Musik ist ein Traum, nicht nur die Teile daraus, die er in seinen Suiten verarbeitet hat. Sie ist so voller Lebensfreude, voller Hoffnung und Tragik. Sie tanzt selbst, sie wirbelt Grotesken, sie schmeichelt romantisch und rührt ans Atonale angesichts der kaum fassbaren menschlichen Tragödie. Die Leitmotive sprechen deutlicher, rhythmisch und harmonisch präziser  als die mythisch vergeheimnissten bei Wagner. Diese Musik ist aber auch wahnsinnig schwierig zu spielen. Fordert den Instrumentalisten alles ab. Die Geiger spüren vor lauter Ausbrüchen ganz oben auf den stählernen E-Saiten ihre Fingerkuppen kaum noch, die Streicher überhaupt vor lauter Irrsinnsläufen die flatternden Bogenhände eben gerade. Die Hörner, das übrige Blech, die Holzbläser, Harfe, Pauken – Prokofjew bringt sie ans Limit.

Und die Robert-Schumann-Philharmonie lässt sich die ganzen mehr als zwei Stunden davon keine Sekunde schrecken. Zwei Wagner-Premieren hatten sie schon in dieser Spielzeit, nächste Woche spielen sie Straussens „Zarathustra“ und Strawinskys „Psalmensinfonie“ im Konzert – dieses Orchester ist einfach bewundernswert. Im Graben und auf dem Konzertpodium ganz weit vorn und oben.  Chemnitz kann stolz auf seine Musikerinnen und Musiker sein.

Und da ist noch Felix Bender. Er wird gehen, gewiss. Das muss er. Das verlangt die Karriere, wenn einer so viel Talent hat, dass er ganz oben in der Garde der Großen mitspielen kann. Bender hat den Prokofjew mit allem Ernst angepackt, folgt dem Komponisten und dem Regisseur aber auch bei allen grotesken, sentimentalen und fröhlichen „Ausflügen“. Und er ist eins mit der Bühne – verstärkt die Farben, die Italo Grassi (Bühne) und Silvia Aymonino (Kostüme) hinzaubern, es ist, als illustriere er die Videos (Maurizio Gaibisso) – etwa wenn die Blütenblätter schweben, so wie die Tänzerinnen und die Tänzer die Musik Prokofjews bildhaft erzählen. Bender kann ganz langsam und zurückhaltend, aber er fordert auch, wenn das Geschehen jähe Abstürze androht zu rhythmischen Knalleffekten und markant schnellen Hin- und Herschwüngen quer durch den ganzen Graben. Wie der Zuschauer bei dieser Inszenierung manchmal nicht weiß, wohin er zuerst schauen soll, so spürt er nur, dass er da gerade eben als Zuhörer wieder gefesselt war und sich schon wieder in einer ganz anderen Klangwelt findet. Bender und die Robert-Schumann-Philharmonie – Prokofjew hat wieder einmal gezeigt, wie gut sie zusammenpassen. Hoffentlich erleben wir sie noch oft gemeinsam.

Ganz leise endet die tragische Geschichte von „Romeo und Julia“. Aber Sekunden später brandet jubelnder Beifall auf. Dankbare Zuschauer und Zuhörer wollen ihre Anerkennung loswerden, Minutenlang.  

Ein ganz großer Abend, den das Ballett Chemnitz mit der Robert-Schumann-Philharmonie und Felix Bender dem Publikum beschert haben. Und dem Generalintendanten. Christoph Dittrich kann heute glücklich seinen Geburtstag feiern. Er hat gestern mit dem Publikum eine Sternstunde in „seinem“ Theater erlebt.

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