Aus den Häusern 16. März 2018

„Spiegel meiner Seele“


7. Sinfoniekonzert (Donnerstag) im Rückblick: Unkonventioneller Schumann und Ovationen im Stehen für einen Brahms. Und was Chemnitz sonst noch damit zu tun hat.--

Die Robert-Schumann-Philharmonie spielt Schumann: immer wieder große Vorfreude. Die Stadthalle an beiden Abenden gut gefüllt. Die Chemnitzer Musiker kennen ihren Namenspatron. Das spricht für wegweisende Interpretationen. Wenn alle mitmachen. Der Bach-Spezialist Martin Stadtfeld, 37, aber hat seine ganz eigene Sicht auf das, was er spielt. Und er weicht keinen Millimeter davon ab: „Ich kann nur das wiedergeben, was in mir ist. Was ich spiele, ist ein Spiegel meiner Seele. Mit Extravaganz hat das nichts zu tun,“ sagte er vor zehn Jahren in einem Interview vor seinem Konzert in Chemnitz.

Der damalige GMD Frank Beermann hatte nie Scheu vor „Anderem“, vor Ungehörtem. Oder zumindest so noch nicht Gehörtem.  Er kennt Stadtfeld gut. Das vierte Klavierkonzert von Beethoven gilt als Aufbruch zu was Neuem: zum sinfonischen Konzert. Da könnte Stadtfeld der Richtige sein, dachte sich Beermann damals vielleicht. Konnten sich auch die Konzertplaner für das 7. Sinfoniekonzert zehn Jahre später vorstellen.  Jetzt also Stadtfeld mit einem der Höhepunkte der Konzert-„Sinfonien“, Schumanns a-Moll-Klavierkonzert. Irgendwie logisch die Wahl, aber irgendwie ging’s daneben.

Clara Schumann war 26, als sie den als Klavierkonzert getarnten Liebesbrief ihres um neun Jahre älteren Gatten im Dezember 1845 im Dresdner Hôtel de Saxe uraufführte (was heute, nebenbei bemerkt, im Nachbau nicht mehr möglich wäre). Die schönste Melodie des Konzerts spricht tönend immer wieder den geliebten Namen in der italienischen Form aus: C-H-iA-rA. Clara ist mit dieser Liebeserklärung durch halb Europa gereist und hat sie mehr als hundertmal öffentlich gemacht. Die Leute waren begeistert.

Es spricht viel dafür, dass Clara das Konzert auch in Chemnitz gespielt hat. Dass sie dort, nah ihrer (Leipzig) und ihres Mannes (Zwickau) Heimatstadt, mehrfach aufgetreten ist, ist sicher. Das hatte aber nicht nur geografische Gründe. Das Chemnitzer Stadtorchester, Vorläufer der Robert-Schumann-Philharmonie, hatte einen exzellenten Ruf – und das nicht nur, weil das Orchester älter ist als die Wiener (gegründet 1842) und die Berliner Philharmoniker (1882). Der Musikdirektor Wilhelm August Mejo hat das Chemnitzer Orchester bereits 1833 nach einem Beschluss des Stadtrates gegründet. (Goldene Zeiten für die Kultur. Chemnitz hatte damals grade mal 20.000 Einwohner!).

Mejo war ein Besessener. Er wollte immer das Beste und holte sich die Besten. Auch Clara schon, als sie noch Wieck hieß, aber als Pianistin schon Furore gemacht hatte. Und einen gewissen Felix Otto Dessoff, einen damals gerade 19-jährigen Leipziger, den er zum Kapellmeister machte. So hat übrigens auch Vornamensvetter Felix Bender, der Dirigent des Abends, seine Karriere begonnen. Vielleicht führt sie ihn dereinst auch nach Wien wie seinen Vorgänger Dessoff.

Jetzt müssen wir bitte einen Umweg machen. Bei diesem Namen reißen uns die Gedanken unweigerlich zum Höhepunkt des 7. Sinfoniekonzerts. Auf Schumann und Stadtfeld kommen wir zurück.

Brahms schätzte den Ex-Chemnitzer Dessoff sehr. 14 Jahre hatte Brahms gebraucht, um aus dem Schatten des vermeintlich übermächtigen Sinfonie-Großmeisters Beethoven herauszutreten und seine erste Sinfonie zu schreiben. Vielleicht hat Dessoff ihm auch dabei geholfen. Dass er Einfluss auf die Sinfonie hatte, ist unbestritten. Dessoff hat sie denn auch (1876) in Karlsruhe uraufgeführt. „Unter seiner Leitung gestaltete sich die Uraufführung zu einem grandiosen musikalischen Ereignis“, schreibt Carla Neppl in ihrem – wie stets lesenswerten - Beitrag für das Programmheft.

Die Robert-Schumann-Philharmonie war in ihrem Element, als wär’s ein Schumann. Bei dem alle mitmachen. Felix Bender gestaltete die noch so kleine Phrase wie die große herrliche Melodie des 4. Satzes, die jeder im Ohr hat. Er holte unglaublichen Ton aus Celli und Bässen heraus, und er ließ die Geigen, so banal das klingt, auch in den höchsten Tönen singen. Er holte bei den Bratschen, die er klug nach rechts gesetzt hatte, jeden noch so kurzen, aber für die Klang-Statik unverzichtbaren Mittelon hervor. Er ließ das Holz (Klarinette!, aber die anderen, auch das Kontrafagott nicht zu vergessen) fremde Sphären anmuten, die Trompeten jubeln (klasse, astrein), die Hörner Klänge (meist) wohlig einbetten und Heidrun Sandmanns Solovioline frei und unbeschwert über der ganzen Orchestermacht und -pracht fliegen, abgehoben vom irdisch schweren Pochschritt der Pauken zu Beginn. Die Posaunen waren hellwach, obwohl sie erst im 4. Satz drankommen durften. Noch so kleine Beschleunigungen, noch so kurzes Innehalten, eine bis ins klug identifizierte musikalische Detail ausgefeilte Dynamik – das war richtig gut.

Als Heidrun Sandmann sich ganz am Ende die freche Locke aus der Stirn blies, vor Erleichterung übers ganze Gesicht strahlte, weil sie wusste, dass sie und ihre Kollegen wieder einmal selbst übertroffen hatten – da gab es auch für das Publikum kein Halten mehr. Bravi tönten, im Parkett standen sie alle auf, „ihrer“ Philharmonie und Dessoff-Nachfolger Bender Anerkennung und Dank zuzurufen.

So muss der Jubel auch gewesen sein, wenn Clara Schumann gespielt hatte. Bei Stadtfeld war das nicht ganz so. Selbst der Beifall der Musiker mit den Bögen auf die Noten war, wenn überhaupt, eher gebremst.

Schumanns Klavierkonzert erkennt man sofort an den ersten Takten. Auf einen Orchsterwums folgen „einige zupackend herabstürzende Klavierakkorde“, wie Carla Neppl richtig vermerkt. Sollten folgen, hätte sie auch schreiben können. Stadtfeld sieht das anders. Er buchstabiert die Akkorde. Deutlich, eher getragen als flott. Und gibt damit den Charakter des ganzen Konzerts vor. „Ich habe sehr konkrete Vorstellungen, wie ein Stück gespielt werden soll. Oft ist ein Orchester verblüfft, mit welchem Tempo ein Satz genommen werden kann“, sagte er in jenem Interview. Und meinte wohl, wie schnell. Jetzt zeigte er, wie Entschleunigung gehen kann. Das gefiel Bender und dem Orchester nicht sonderlich. Hörte man. Aber Profis stellen sich auch schnell um, wenn’s sein muss.

Stadtfeld versank in seinen Bösendorfer. Hatte den Stuhl soweit unten wie möglich. Stieß mit den Oberschenkeln des Pedalfußes fast ans Tastenunterteil. Bisweilen schien er auf dem Pedal festzuhaken. Soviel Romantik musste sein, war ja kein Bach. Die Läufe perlten, ob gegen, mit, über oder unter dem Orchester. So, wie er es empfand. Man muss ja nicht jede dynamische Idee eines Dirigenten mitmachen. Schließlich hat Schumann da ja auch ein vertracktes Werk geschaffen, bei dem man meinen könnte, Solist und Orchester hätten gar nichts miteinander zu tun. Aber das ist halt der Unterschied zwischen scheinbar und anscheinend.

Da gibt’s etwa ein wunderschön zartes Holzbläser-Solo. Ein typischer Eusebius. (Schumann, auch begabter Musikkritiker, hatte sein Hör- und überhaupt Menschen-Ich gern in die beiden Fantasiefiguren Eusebius und Florestan aufgeteilt, den Milden und den Wilden). Und ausgerechnet da haut Stadtfeld einen Florestan als Antwort rein. Es kam, wie’s kommen musste: Das Orchester spielte Schumann, differenziert, ausgewogen, gespannt den Intentionen des Komponisten folgend. Stadtfeld spielte seinen Eusebius. Zart, nein besser: zärtlich. Streichelte die Tasten. Und wo andere Pianisten nach einem Ziel-Akkord die Hände von den Tasten fliegen lassen, blieb er ruhig. Dafür gestikulierte er in Pausen bei rhythmisch neuen Motiven leise mit, um die richtige Punktierung aufzusaugen. Scheinbar. Nicht anscheinend. Machte dann doch, wie er sich’s vorstellte. Und hörte sich manchmal ziemlich allein. Das Publikum sah nur die Finger huschen.

Interessant, wie solche Gegensätze ein Ganzes ergeben können. Leider wissen wir nicht, wie Clara gespielt und damit ihre internationalen Erfolge erzielt hat. Wer das Schumann-Konzert öfter gehört hat, war zumindest irritiert. Aber vielleicht hat er ja recht, dieser Martin Stadtfeld. Unkonventionell war sein Schumann auf jeden Fall.

Bleibt noch der Reißer zu Beginn: Dvořáks „Karneval“-Ouvertüre, dieses fulminante Stück fröhlichen Treibens und sentimentaler Clowns-Traurigkeit in der Mitte. Auf Bender und die Philharmonie zugeschnitten – wenn auch die Streicher solch garstige gemeinsame Läufe gleich aus dem Kalten gar nicht so gern haben. Sei’s drum. Toller Auftakt, begeisterter Beifall gleich zu Beginn, der sich am Schluss nach einem großartigen Brahms noch steigern sollte. Nur der dritte Platz auf dem Treppchen für den Namenspatron der Philharmonie. Schumann wird’s verschmerzen.

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