Aus den Häusern 15. Oktober 2017

„Gefühle sind Ermüdungserscheinungen“


Premiere im Rückblick: Max Frischs „Homo faber“ -  großes Theater als subtiles Kammerspiel gestern, Samstag, im Schauspielhaus --

Hasko Weber schlägt sie in seinen Bann. Alle. Seine Schauspieler und sein Publikum. Als junger emotionaler Schauspieler und Kopf der „Dramatischen Brigade“ und Verfasser jener Resolution, die am 7. Oktober 1989 der damalige Schauspieldirektor Hartwig Albiro auf der Bühne des Schauspielhauses im Park der Opfer des Faschismus verlas, und die Zündfunke war für die friedliche Revolution in Karl-Marx-Stadt. Heute als auf diese Bretter zurück gekehrter Generalintendant des Weimarer Nationaltheaters mit Max Frischs „Homo faber“, dem emotionshassenden Technokraten, der die „Welt so einrichten“, so fabrizieren will, „dass wir sie nicht erleben müssen“. Er scheitert. Hasko Weber erlebt einen Triumph. Große, einhelliger Beifall am Samstagabend für ihn und seine heutige Brigade bei der Premiere im vollbesetzten Schauspielhaus.

„Brigade“ klingt heute aus der Zeit gefallen. Und doch: Wenn Regisseur, Dramaturg (René Schmidt) und das Ensemble gemeinsam den Prosa-„Bericht“ des Schweizer Dramatikers, der seit 60 Jahren ein Welterfolg ist, dramatisieren – was sind sie dann? Wenn Sprache dominiert und nicht überbordende Bilder (Bühne: Sarah Antonia Rung) , wenn nicht die heute scheinbar unverzichtbaren Videos die Atmosphäre der mexikanischen Wüste, den Dschungel Guatemalas, den Louvre oder die Akropolis vorgaukeln müssen,  wenn ein genieteter Stahlvorhang alles sagt über die vernagelte Borniertheit des allein (un-)selig machenden MINT(Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft Technik)-Apostels und der wallend rotwarme Vorhang-Stoff alles über die gefühlsreichen Kulturfrauen Sabeth und deren Mutter Hanna („ich nannte sie eine Schwärmerin und Kunstfee. Dafür nannte sie mich: Homo Faber“).

Die kleinsten Gesten sprechen. Natürlich kann man genau berechnen, wohin ein Ping-Pong-Ball fliegt, und doch geht er auch daneben, weil Menschen spielen und nicht Mathematik. Natürlich ist das Leben kein Schachspiel, und die Vernunft steht so überdimensional groß über den beiden winzigen Spielfiguren im Wüstensand der Absturzstelle und doch hängt sich im Dschungel einer auf, kein Mensch weiß, warum. Natürlich können Erde, Mond und Sonne auch über Avignon mal in einer Reihe stehen und für eine Sonnenfinsternis sorgen, aber ist Ekstase, wenn Mann und Frau übereinander herfallen, Zeichen von Schuld oder schuldloser Unschuld? Und was hilft Dir alle Statistik, wenn Du Magenkrebs hast, weißt, dass 95 Prozent davonkommen, Du aber gehörst zu den anderen fünf Prozent?

Der Weg zu oder in sich selbst ist das Thema des „Berichts“ von Homo Faber, wie Max Frisch seinen Roman genannt hat. Geschrieben in einer Schweiz, die sich 12 Jahre nach dem Krieg in einer neuen Weltordnung finden muss, die sich vor dem Schreck unlogischen Machtmenschenhandelns in sich selbst und die älplerische Kuhglocken-Ruhe zurückziehen will, die längst vergessen hat, dass sie  (wie Faber beim Inzest in Avignon) (unschuldig?) schuldig geworden ist als Tresor für Nazigold und Vertreiber von Schutz suchenden (jüdischen) Flüchtlingen (wie Hanna damals fliehen musste). Max Frisch, seinem Zeitgenossen und Landsmann Dürrenmatt verwandt, sucht, ob der Mensch Herr über das Schicksal, die Unwahrscheinlichkeit in der berechenbaren Wahrscheinlichkeit werden kann und wie. Am Schluss liegt Faber da. Blind, hoffnungslos, klein. Vor der Größe der Gefahr einer Vernichtung der Welt durch die Atombombe wird menschliches Sorgen Pipifax, bei Dürrenmatt tragikomisch. Bei Frisch ist das Schicksal die Bombe. Aber vor seiner Macht ist der Machtfabrizierer Faber nur noch ein gescheiterter ganz und gar unkomischer Wurm.

Diesen Wurm, der sich zum überheblichen MINT-Drachen aufplustert, spielt Philipp Otto grandios. Faber ist eine Marathon-Rolle, aber Philipp Otto geht nie die Luft aus. Ob er lautstark Pseudoweisheiten absondert oder sich vom unschuldigen Gesang Sabeths rühren lässt, ob der beim Rock ‘n Roll oder unter dem Vorhang mit Sabeth in den Clinch geht, ob er barmend monologisiert oder bramarbasierend schwadroniert. Und bei all dem: was für eine gepflegte Sprache, was für eine Eleganz mit, wie Mitleid erregend ohne Jackett. Großartig.

In einer Traumrolle als Sabeth wieder Seraina Leuenberger. Das Mädchen das weiß, was sie will, auch wenn sie sich keine Gedanken darüber macht. Nicht wie die sehnsüchtige Julie Delpy im Schlöndorff-Film. Zart, frech, lebenshungrig. Wunderbar. Susanne Stein spielt Hanna, die Ex-Philologin und Kommunistenhasserin, Ex-Geliebte und Mutter. Frauen sind, sagt sie, das Proletariat des Menschengeschlechts, wo homo wie im Lateinischen Mensch und Mann bedeutet. Sie spielt die Hanna, als ahnte sie Ingeborg Bachmann voraus, die in den Jahren nach „Homo faber“ Frischs Geliebte wurde und den winselschwachen großen Literaten schließlich abblitzen ließ. Magda Decker ist dramatische Handlungsranke: als Stewardess (herrlich die Pantomime in der stürzenden Super-Constellation) und die Klett-Geliebte Efeu-Ivy. Martin Valdeig darf gleich in drei verschiedenen Rollen seine Wandlungsfähigkeit beweisen: was für ein Attituden-Chef als Williams, der Unesco-Grande! Dirk Glodde dagegen der Zurückhaltende, das Gewissen, der Geist (als Schulfreund-Bruder und Prof. O.). Am Rande- Glodde hatte gestern Geburtstag. Glückwunsch!


Eine wollen wir noch gesondert erwähnen: Katja Byhan-Weber. Sie hat die symbolträchtige Großplastik geschaffen – dieses sympathische, aber gestürzte und von Archäologen wie Hanna geflickte Riesengesicht einer Kolossalstatue, die von der Rückseite her zeigt, dass die beste Konstruktion der Faber-Ingenieure dieser Welt nicht hält, wenn das Schicksal die Erde schüttelt.

 Wir haben viele gesehen, die ein Premieren-Abo für Oper und Schauspiel haben, und die an diesem Abend (zwei Premieren sollten eigentlich nicht sein) Hasko Weber und seiner/unserer Chemnitzer Truppe im Schauspielhaus den Vorzug gegeben haben. Keine und keiner hat es bereut. Hasko Weber hat wieder einmal gezeigt, dass er nicht nur, aber auch ein exzellenter Faber ist. Lat. „faber“ heißt auch Handwerker.

Frischs „Homo faber“ in Chemnitz. Ein Ereignis. Kammerspiel, aber ganz großes Theater.

Eigentlich ist das Stück ja auch ein Krimi. Da soll man eigentlich nichts verraten. Trotzdem:Eine kurze Inhaltsangabe finden Sie hier.
Die nächsten Vorstellungen: 26. Oktober, 10. und 19. November, 1. Dezember 2017

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