Aus den Häusern 24. September 2017

Wieviel Schiller muss in Schiller sein?

Premiere im Rückblick: Nina Mattenklotz versucht eine postdramatische Performance über Freiheit und Willen anhand von Schillers „Räubern“ –

Am Weihnachtstag 1989 gab Leonard Bernstein ein in die ganze Welt übertragenes Konzert im Ostberliner Schauspielhaus (heute Konzerthaus) am Berliner Gendarmenmarkt. Beethoven, die Neunte. Für den Schluss hatte Bernstein Schiller umgedichtet. Er ersetzte nur ein Wort. „Freude“. Und die vereinten Chöre aus München, Ostberlin und Dresden sangen „Freiheit, schöner Gotterfunken…“ Die Welt hielt den Atem an. Auch Nina Mattenklotz hat für ihre Chemnitzer Inszenierung der „Räuber“ Schiller umgeschrieben. Auch hier geht es um „das große Wort“ (Programmheft) Freiheit. Hier ist sie kein Götterfunke, sondern Teufelszeug. Das Publikum bei der Premiere gestern Abend im Chemnitzer Schauspielhaus reagierte gespalten. Enthusiastischer Beifall auf der einen, durchkreuzt von deutlichen Buhs auf er anderen Seite. Nach der Pause blieben einige Pltze frei. Ein denkwürdiger Abend.

Nina Mattenklotz ist in Chemnitz keine Unbekannte. Sie hat 2016 schon das Siegerstück des Chemnitzer Theaterpreises auf die Bühne gebracht („Die Zärtlichkeit der Hunde“). Nachlesen lohnt sich. Die Parallelen in der Regiearbeit sind nicht zu verkennen. „‘Mein Weg mit dem Stück würde ich als Reise beschreiben‘, sagte die Regisseurin bei der Laudatio anlässlich der Preisverleihung (abgedruckt im Programmheft). ‚Ich fand das Stück grell, krass und laut, zu grell und zu krass und zu laut,‘ zitierte der Theaterförderverein in seiner Besprechung seinerzeit.

Grell, krass und laut ist auch Mattenklotz‘ Performance über Wille und Freiheit.  Sie seziere den Schillertext, nehme ihn auseinander und setze ihn neu zusammen, schreibt Dramaturgin Kathrin Brune. Mattenklotz macht noch mehr. Sie ergänzt Schiller nicht nur um Shakespeare-Bruchstücke und Stellen aus Thomas Melles „Ännie“ (das Stück hatte sie in Bremen uraufgeführt), sie suchte und fand auch eigene Passagen, die Schiller ins 21. Jahrhundert holen sollen. Samt Waffenlieferungen, Terror und Flüchtlingen. Samt Ratlosigkeit der Regierungen, samt Macht- und Gewaltbesessenheit von Terroristen, samt Machtlosigkeit und Todesangst von Flüchtlingen auf dem Mittelmeer.

Technisch nennt sich dieses Verfahren, mit Klassikern oder auch modernen Autoren umzugehen, Postdramatik. Einfach gesagt: Wenn Schiller heute nicht mehr spannend genug scheint, wird er (post – von lat. danach) aufgepeppt, Scheuklappen aus dem Deutschunterricht am Gymnasium werden weggerissen, der Blick geweitet auf das Leben heute. Und dessen Widerspiegelung auf Facebook, Tagesthemen und Zeitungen. Die Interpretation des Deutschlehrers ersetzt der erhobene Zeigefinger des Regisseurs/Textbastlers. Die mittlerweile erwachsenen Ex-Schüler im Theater werden, notfalls mit Zwang, auf den „wahren“ Inhalt gestoßen. Und wer das nicht will oder nicht kapiert, kriegt eine schlechte Note.

Wenn jeder Freiheit für sich fordert, spielt es auch kaum noch eine Rolle, wie er sie für sich durchsetzen will. Ob Franz Moor im Rahmen der überkommenen Ordnung mordet oder Karl im räuberischen, gesetzlosen Wald, ist dann schon fast egal. Und da Schiller es gendermäßig nicht so genau nahm, wird heute aus dem Ex-Räuberhauptmann Spiegelberg eine Hauptfrau, die nicht minder mörderisch und sadistisch veranlagt ist, wenn’s um eigene Freiheit zur Macht geht.

Katka Kurze spielt diese über alle Leichen gehende Kraftmörderfrau mit gewaltiger Energie. Ihr stolzstrotzender Bericht (da durft’s mal wieder ein bisschen Schiller sein) über den Überfall des Klosters und die Vergewaltigung der Nonnen ist zwar aus dem Mund einer Frau gewöhnungsbedürftig. Macht aber nichts. Genderneutral ist sie Gewaltmensch. Und den spielt sie aus, bis sie, die Erstochene, als blutiger Engel schwebtanzend die höheren Weisheiten von oben verkündet, die ihr und uns die Autorin ins Stammbuch schreiben will. Freiheit, die sie meint.

Jeder versteht unter Freiheit was anders. Jeder hält seine für die beste. Und will sie dem anderen überstülpen. Sie können Freiheit auch mit Demokratie ersetzen. Und an Putin denken, oder an Trump. Oder an Kim Jong-un oder die 9/11-Terroristen (die letzte (?) „Räuber“-Inszenierung in Chemnitz fand übrigens wenige Tage nach nine eleven statt – und nahm darauf Bezug, wenn auch nicht postdramatisch…).

Insofern ist es dann auch ziemlich egal, wer, ob Franz oder Karl, in gewaltigen, eingefügten Monologen die Welt des 21. Jahrhunderts zu interpretieren sucht, des Menschen Wille, die Freiheit des (Christen-)Menschen. Große Leistung von beiden (Jan Gerrit Brüggemann und Philipp von Schön-Angerer), auch im Memorieren. Schön-Angerer etwa in seiner „Oder“-Arie mit gefühlt 56-facher Erklärung, was Wille ist: Du kannst essen, oder nicht. Du kannst lieben, oder nicht. Unkraut jäten, oder nicht… Ja, wir haben’s schnell kapiert. Des Menschen Wille kann sein Himmelreich und die Hölle für andere sein.

Brüggemann als Franz Moor ist im wahren Wortsinn eine Wahnsinnsrolle. Körperlich. Gedächtnis fordernd. Sprachtechnisch. Er ist und bleibt der (halb-)schizophrene Loser, dem die überholte Ordnung nur eine Papierkrone lässt, der auf dem von Figuren leer gefegten Schachbretttisch deklamiert, als sei alles ein Spiel oder doch keines mehr, der seine Fast-Schwägerin Amalia (Maria Schubert) vergewaltigen will, keinen hochkriegt, sich dann selbst einen runterholen will, was Amalia verhindert, indem sie ihn kräftig am Schwanz packt. Noch nicht einmal Macht über sich selbst hat er, lernen wir da. An starken, manchmal drastischen Bildern lässt es Nina Mattenklotz nicht fehlen.

Und sie hat Schauspieler, die sich bis zur Selbstaufgabe reinhängen in ihre Rollen, prügeln und sich prügeln lassen. Verbal und physisch. Einzig Maria Schubert, die Schwächste, darf stark sein. Sie darf Schwarzschminktränen weinen, sich das Messer an den Hals setzen – und überlebt dann doch (bei Schiller sind am Ende alle tot. Hier gibt’s ein paar Überlebende, weil die (Bühnen-)Welt sich weiter dreht und wir mit ihr…). Große Rolle auch für Maria Schubert.

Max, der Alte, ist von Anfang an eine Halbleiche. Die alte Ordnung stinkt ja auch schon. Undankbar, was Andreas Manz-Kozár da schauspielerisch abzuliefern hat. Fehlt noch Razmann (Martin Esser), der sich ständig auf dem Boden nach Freiheit lechzend wälzt und (fast) alles zweimal sagen muss, weil auf ihn niemand hört.

Das mit dem Hören ist an diesem Abend so ‘ne Sache. Der Drummer auf der Bühne (klasse: Jan Christoph) muss manchmal reinhauen, dass die Ohren dröhnen. Philipp von Schön-Angerer greift einmal (gekonnt! Kompliment) zur Gitarre und schreit sich die Seele aus dem Leib. Dann sitzt er hinten auf der (überwiegend leeren) Bühne (Bühne und Kostüme: Johanna Pfau) klimpernd, und das Publikum versteht gar nichts. Bei aller nötigen Kraft und Brutalität – auch an anderen (leisen) Stellen hätten wir was drauf gegeben, mehr zu verstehen.

Ein denkwürdiger Abend. Ein irritierender. Einer zum Nachdenken. Nachsinnen. Aber auch einer, der das alte Reclam-Heft wieder zu Ehren kommen lässt. Am Wahlsonntag. Schillers erstes Drama. Ohne „post“. Hat was. Und daneben läuft die legendäre Bernstein-CD von Weihnachten 1989. Und wir danken daran, was er damals, nach dem Mauerfall, in einem Interview gesagt hat: „Alles im Leben ist eins, auch die Liebe, auch Hamburgers, Beefsteak tartare, Mahler, Beethoven, Spaziergänge, Alles, Natur – das ist alles Freude. Und das Leben ist das Leben."

Die nächsten Vorstellungen: 28. September, 20. Und 28. Oktober 2017

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