Aus den Häusern 23. November 2014

Die Geschichte vom Katzenkater

Premiere im Rückblick: Fröhliche Märchenstunde mit einer wunderbaren Bianca Kriel

Ein so junges Premierenpublikum hat das Schauspielhaus Chemnitz im Rahmen der Premieren-Abos wohl noch nie gesehen wie am Samstagabend, schon um sechs. Lollis waren vorher und zur Pause genauso gefragt wie das obligatorische Gläschen Sekt. Viele, viele fröhliche Kinder. Und Erwachsene, die an ihnen ebenso viel Spaß hatten wie am Geschehen auf der Bühne. Dort schnurrte und mauzte Bianca Kriel den „gestiefelten Kater“. Von der ersten Sekunde an herrschte sie unangefochten über das Publikum und ihre Freunde und Widersacher im Märchen-Reim.

Das Leitungsteam um Regisseur Alexander Flache und Dramaturgin Friederike Spindler hatte sich für die Bühnen-Version des Grimm’schen Märchens von Heinz Kahlau entschieden: Und so wurde gereimt und geka(h)lauert, was das Zeug hielt. Und wo notwendig, wurde nicht der Vers gefressen (Reim Dich, oder ich fress‘ Dich), sondern die Maus, in die sich der blöde Zauberer verwandelt hatte.

Merke: böse ist blöd. Die kleinen Moralinspritzen der Märchendoktoren Grimm fehlten selbstredend nicht. Was ist schon ein Märchen wert, bei dem kind nicht subkutan erführe, dass „böse“ bestraft wird, und es für „gut“ ein Bienchen gibt. Aber Flache schert sich einen Dreck darum, dass der Kater ein Lügner ist, ein schlimmerer Machtfinger als der Zauberer, dass der König ein leichtgläubiger Hirni ist, der sich alles vorgaukeln lässt, falls es ihm in den Kram passt, und dass die Prinzessin ein nettes verwöhntes Dummchen ist. O ja, es gab sie, die Psychologen-Interpretationen von Leuten, die selbst auf die Couch gehören. Gott sei Dank verschont uns Flache davor und erzählt schlichtweg ein hübsches, fröhliches Märchen, das von der ersten Minute an auf ein Friede-Freude-Eierkuchen-Ende zusteuert.

Klar doch, Flache wirft auch den Kritikern ein paar Denk-Brocken hin, dass sie ihm nicht Märchen-Ohnsorg vorwerfen können. Das Katerkätzchen erzählt wie ein epischer Erzähler die Geschichte, in der es selbst mitspielt. Und reitet dabei fröhlich auf dem Kinderkatzenpferd, das sich zum Schlussbeifall höflich mit verbeugt. Oder wie ein Moritatenerzähler, der die einzelnen Episoden in die gehörige Ordnung bringt, wobei der Müllersohn sich nicht nur zum Prinzen, sondern auch vom enttäuschten kleinen Burschen zum Erwachsenen entwicklungsromant. Und am Ende siegt die Liebe über alles, das Kussbild steht, es gibt kein Schloss wie bei den Herren Grimm für den Müllersohn, sondern nur die Mühle, aus der die beiden (bösen) Brüder über den Jordan, oder sonst „irgendwo“ verschwunden sind, er wird auch nicht Minister oder König in spe. Sein verwöhntes Prinzesschen begnügt sich mit Strohsack statt Himmelbett. Weil Liebe so schön ist. Rühr, rühr…

Wie malen Kinder einen (Baum)stamm? Machen wir. Wie stellen sie sich einen „blauen Tag“ vor, von dem der König ständig schwärmt? Da reichen ein paar Stoffbahnen, Kinder haben viel Fantasie. Wie kommt Wasser in einen Teich? Vom Himmel natürlich, mit ein paar blauen Papierschnipselregentropfen. Wie wird ein großer Zauberer entzaubert? Indem seine Protzklamotten kaum noch bis zum Bauchnabel reichen und er aussieht wie Klein-Doofie. Die Tiere, in die sich der Zauberer verwandelt – da reicht ein bisschen (nö, bei der Maus, viel) Schattenspiel, für die Mühle dreht sich ein Schattenwindrad – reicht vollkommen. Und dazu noch was zum Lachen: die köstliche Kutsche des Königs, eine Mehrzweckdoppelrikscha. Der Soldatenpanzer mit der Gummibärtasche. Petra Linsel (Bühnenbild und Kostüme) hat alles richtig gemacht. So fröhlich wie möglich, so Fantasie anregend wie geht, so einfach wie nur irgend denkbar. Auf dass die Figuren leben und nicht das Drumrum.

Diese Chance nutzten Bianca Kriel & Co. Vor allen die omnipräsente Katerkatze Bianca Kriel mit dem Zauberschwanz als Halskrawatte. Sie schnurrt, sie miaut, sie verst, sie wälzt sich, lacht, trauert, hat Angst, reimt wie der Welterklärer und schmuselt vor sich hin. Hat Hunderte von Zeilen Text drauf und Tausende von Schritten und Schleichern. Ins Aerobic-Studio muss sie nach dieser Serie nicht gehen…

Stefan den Müllersohn und späteren Grafen von „Irgendwo“ spielt Fabian Jung genauso. Ungelenk zu Beginn (köstlich, wie ihn der Kater vor dem König her- und aufrichtet bis zum letzten Haar), hineinwachsend in den eleganten Wams des Pseudografen bis zum schützenden Liebesfamilienoberhaupt.

Lysann Schläfke, putzmunter in jeder Situation, vom fußstampfenden Ichwillaber reichmusserseinprinzesschen zur liebenden Frau, Christian Ruth (König) und Martin Valdeig (Kutscher, Soldat, Diener) – großartig in ihren komödiantische Paraderollen, die Mehrzweckwaffen Marko Bullak und Stefan Migge (je fünf Rollen) – einfach gut.

So schön kann Märchen sein. Die Kleinen hatten rote Bäckchen und klatschten begeistert mit den Großen mit. „Ich will da nochmal rein“, zerrte eine kleine Prinzessin beim Rausgehen an ihrer Mama. Warum nicht? Das Katerkätzchen zieht sich bis Weihnachten fast jeden Tag seine roten Stiefel an. Einige Termine sind im Voraus schon fast ausgebucht. Nach dem  Premierenerfolg wird’s bald keine leeren Plätze mehr geben.

BB Drucken Kommentare (1)
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Hartwig Albiro
Die Beschreibung der Geschichte vom Katzenkater ist genau so gut wie die Aufführung. Genau, direkt, heiter. Glück für den Förderverein, dass er über solch einen Rezensenten verfügt. Danke! Hartwig Albiro
Vor 3 Jahren | darauf antworten
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