Aus den Häusern 19. September 2014

Früh übt sich, was ein Meister(singer) werden will

Sinfoniekonzert im Rückblick (Donnerstag): Auftakt für eine Neuinszenierung der „Meistersinger“ im sächsischen Bayreuth?

Erleben die Chemnitzer in der nächsten Saison (2015/16) eine neue Meistersinger-Inszenierung? Beermann und die Robert-Schumann-Philharmonie haben Blut geleckt. „Wir haben bei den Proben für das Sinfoniekonzert so viel Freude gehabt, wir würden gern das ganze Werk bei einer szenischen Aufführung in der Oper spielen“. Beermann, der das Konzert mit einem konzertanten Querschnitt durch Wagners Anti-Tristan auch moderierte,   machte aus seinem Herzen keine Mördergrube. Was er nicht sagte: Für ihn in seiner dann letzten Saison in Chemnitz wäre das ein Highlight, vielleicht sogar die Krönung.

Dreimal nahm er den Anlauf, dreimal beließ er es bei Andeutungen – das Publikum verstand den Wink. Die „Meistersinger“ kommen, wenn sie bezahlt werden können. Die Oper verlangt Hunderte von Kostümen, hochkarätige Gastsänger, Zusatzchöre. Das geht richtig ins Geld. Aber zum Optimismus ist es nie zu spät. Die Chemnitzer kennen den Ruf ihrer Oper als „sächsisches Bayreuth“. Mehr als 2.000 Menschen haben sich an den beiden Abenden das gewiss nicht leichte Programm angetan – Wagner in Chemnitz, das ist Pflicht. Selbst der konzertante Querschnitt lockte so viel Menschen in die Stadthalle, dass das Opernhaus fast dreimal ausverkauft gewesen wäre.

Das sind zwar nicht so viele wie damals vor 40 Jahren, als die Stadthalle eingeweiht wurde und für die Proben zu den „Meistersingern“ im Opernhaus genutzt werden konnte, und zu den ersten Sinfoniekonzerten bis zu 5.000 Menschen kamen. Tempora mutantur – so was gibt’s nicht mehr. Glücklicher Zufall oder gewollt – es hat auf jeden Fall gepasst, dass die Robert-Schumann-Philharmonie jetzt ausgerechnet mit einem „Meistersinger“-Querschnitt dem Jubiläum der Stadthalle, ihrer (teuren) Zweitwohnung, einen Glanzpunkt aufsetzte.

Früh übt sich aber auch, wer die „Meistersinger“ auf die Bühne bringen – und akut mit diesem Programm auf Tournee geht. Die Robert-Schumann-Philharmonie spielt es in der nächsten Woche dreimal in der pompösen Höhle des Löwen-Ludwig, dem Schloss Neuschwanstein. Dort ist das Ambiente zwar prächtig, die Temperaturen aber weit unter denen der Chemnitzer Stadthalle bei der Generalprobe oder der Premiere (ganz, wie Sie wollen). Dafür ist es eng. Viel enger. Was kein Schaden sein muss. Im Operngraben ist es auch eng. Und da kommt Wagner trotzdem „geballter“ rüber als auf der großen Stadthallenbühne.
Die „Meistersinger“ sind schwer zu spielen. Allein die Fuge! Kompliment. Aber die Stimmgruppen hören sich kaum. Was auch das Publikum hört. Samuel Youn ist ein großartiger Hans Sachs. Der kann mit grobem Messer-Leder umgehen, der ist ein Schuh-Macher, und Poet dazu. Zeigt Präsenz in Körpersprache und Stimme. Betsy Horne, die liebe Eva, ist jung, hat viel Talent. Hat selten mit einem solchen Orchester zusammen gearbeitet. Setzt ihre klare, unverbrauchte Stimme gezielt ein und versucht nicht, den 75-Mann-Moloch hinter ihr zu übertönen, wenn’s denn mal nicht gehen kann. Der Österreicher Johannes Chum ist ein zarter Stolzing. Manchmal zu zart. Zu wenig Muskeln, auch an den Stimmbändern. Da hätten wir gern Bernhard Berchtold gehört, den wir so oft, und so oft so gut, in Chemnitz erleben durften.

Was nicht ist, kann noch werden. Wenn das Geld da ist, und die „Meistersinger“ auf die Bühne kommen. Dann hören wir auch die Chöre und den antagonistischen Herrn Beckmesser. Das waren vielleicht die beiden Haupt-Mankos der Aufführung: Wagner ist Gesamtkunstwerk. Da gehört die Bühne dazu, die unterschiedlichen Menschen, die Bürgersfrauen wie die Lehrbuben (deren Tanz – in Abwesenheit - wurde zum schönsten Stück des Abends). Der „Wacht-auf!“-Chor gehört einfach zu dieser Oper. Aber auch der erbsenzählende Blödmann Beckmesser fehlte. Mit seinem geklauten Pfuschlied hätte er im direkten Vergleich Stolzing-Chum beim Original sicher mehr auf die Sprünge geholfen. Und Beermann hätte nicht so viel erzählen müssen, was wir (noch) nicht hören durften.

Nach dem (sehr flott dirigierten) Vorspiel musste er erst mal wieder zu Atem kommen, als er zum Mikrophon griff. Aber solche „Gesprächs-Konzerte“ sind für einen Dirigenten hartes Brot. Konzentration in verschiedene Richtungen. Aber Beermann liebt diese Herausforderung. Und er hat mit der Robert-Schumann-Philharmonie ein Orchester, das ihn nie hängen ließe, auch wenn er noch oder schon gedanklich beim Erzählen wäre und beim Überlegen, welchen Gag er da noch einbauen könnte.

Fazit: Ein für die Mitwirkenden und die Zuhörer nicht gerade chilliger Abend mit Musik zum Reinlegen. Aber ein Abend, der zeigt, was die Robert-Schumann-Philharmonie kann. Sie wird damit hoffentlich Jubelstürme in Neuschwanstein ernten. Große Erwartungen gibt’s dort. Die Konzerte sind schon jetzt ausverkauft. Toi, toi, toi.

Und ein Abend, der auch daheim Erwartungen geschürt hat: dass wir die „Meistersinger“ komplett auf der Bühne sehen. Vielleicht in der Regie von Michael Heinicke, der schon 1997 über Deutschland hinaus vielbeachtete „Meistersinger“ auf die Chemnitzer Bühne brachte? Wir würden uns freuen.

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