Aus den Häusern 26. Mai 2014

Brutal, hart. Aber tief beeindruckend

Premiere im Rückblick: Martin Bauchs Preisträgerdrama „Die Erben des Galilei“ wurde am Sonntag in Chemnitz uraufgeführt – Große Leistung des gesamten Teams

Martin Bauch, 32, hat ein starkes Stück geschrieben. Die Jury des ersten Chemnitzer Theaterpreises für junge Dramaturgie hat dem – eben fertig gewordenen – Berliner Juristen den ersten Preis zu Recht zuerkannt. Er wurde nach der Uraufführung am Sonntagabend im ausverkauften Ostflügel des Schauspielhauses von einem tief beeindruckten Publikum gefeiert. Martin Bauch wird den Chemnitzern dankbar sein. Sie haben nicht nur der PR wegen einen Preis ausgelobt und die Uraufführung (wie das so oft anderswo geschieht) als lästige Pflicht empfunden, sondern aus dem preisgekrönten Stück eine Aufführung gemacht, die selbst preiswürdig ist.


So führte eine starke Team-Leistung ein starkes Stück zum unausweichlichen Erfolg trotz einem ausweglosen Thema. Kathrin Brune (damals die Vorsitzende) als Dramaturgin und Silke Johanna Fischer (Regie) hatten sich des Drama-Neulings, das sie selbst als Juroren ausgewählt hatten, angenommen, als wäre es ein großer Klassiker oder ein für das Mülheimer Theatertreffen vorgesehenes Stück. Sie haben (behutsam) gekürzt (das Stück dauert jetzt eine atemlose Stunde), ihre Theatererfahrung beschleunigte und bremste mit wirksamen Schnitten zwischen Bühne und Einspielung das Geschehen, sie ließen von der Chemnitzer Filmwerkstatt beklemmende Videosequenzen zusammenschneiden, vor denen man am liebsten die Augen geschlossen hätte.

Die Auftakt-Videosequenz von Anschlag, Tod und Folter, von Qual und Sadismus, von Feuer, Rauch und Schrecken hatte sich Martin Bauch wohl in etwa so vorgestellt, als er sie in seinen Regieanweisungen verlangte. Wir kennen die Bilder alle. Sie waren schon in Fernsehen. Aber für uns Nüssekauer auf der Couch verliert fremder Schrecken seinen Schrecken, je weiter weg er produziert wird. Wie absurd ist das eigentlich, dass der „Tatort“ am Sonntagabend mehr entsetzt als das schrecklichste reale Welt- Geschehen in der „Tagesschau“ wenige Minuten vorher…

Im schwarzen Ostflügel des Schauspielhauses können sich die Augen nicht beruhigen durch abschweifende Blicke auf schöne Bilder an der Wohnzimmerwand. Die Zuschauer sind Teil der Folterkammer, sitzen mittendrin, zucken zusammen, wenn sie sehen (müssen), was Menschen Menschen antun können.

Und dann auch noch Freddy mit seinem 50 Jahre alten „Hundert Mann und ein Befehl“. Das ist frech und wagemutig, solch einen Nostalgiemitsummer einzuspielen, aber es trifft den Nerv. Und zum ersten Mal hören wir dem Text zu: „Hundert Mann und ein Befehl und ein Weg, den keiner will. Tagein, tagaus, wer weiß wohin. Verbranntes Land, und was ist der Sinn?...Wahllos schlägt das Schicksal zu, heute ich und morgen du…“ (Einst, zu Vietnamkriegs-Zeiten war dieser Song als Hymne auf die „Green Berets“ geschrieben worden – eine US-Spezialeinheit. In Martin Bauchs Stück sind US-Soldaten die Bösen, die Sebastian, die Hauptfigur, zum Bösen/Schuldigen machen, weil er sich nicht gegen das Böse wehrt, und russische Soldaten, weil Lysan, die andere Hauptfigur, bösschuldig wird, weil sie ihren Bruder verrät. Sie zerreißen ihn in Stücke…. Das Kurzdrama von Martin Bauch hat viel mehr Ebenen, als auf den ersten Blick erkennbar.)

Das ganze Drumherum aber wäre nichts, würden die Schlachtfelder draußen nicht zu dieser irre verzerrten inneren Kampfsituation in der „Folterkammer“ unter einem Frankfurter Hotel führen. Stefan Migge, eben noch als Hamlet mit dem Sächsischen Theaterpreis ausgezeichnet, konnte sich noch letzte Woche wegen einer Rückenverletzung, die er sich bei einer Probe zugezogen hatte, kaum rühren. Jetzt haut er verzweifelnd den Schädel auf die Tischplatte, dass es dem Zuschauer schon beim Zuschauen weh tut, knallt halbnackt entwürdigt auf den Boden, blutet am Handgelenk, weil er sich an den Handschellen (wirklich) verletzt hat – er brüllt auf vor Schmerz, er wimmert, er bittelt und betet, lässt sich demütigen und quälen, wird schließlich zum erkennend Überlebenden, der nicht mehr leben will und (Video) schließlich an seiner Schuld verreckt. Steffan Migge als Sebastian – großartig.

Ihm steht die großartige Maria Schubert als Lysan schauspielerisch in nichts nach. Sie, die äußerlich Zarte, spielte  schon im „Kuckucksnest“ die harte, sadistische Oberschwester. Dort allerdings nur kommandierend. Hier greift sie brutal zu, um dann wieder (auch in den Video-Rückblenden) das verletzliche kleine Immigranten-Mädchen auf Flucht vor der Vergangenheit zu sein, das doch nur in Frieden leben will. Aber das geht nicht. „Von Schuld kann man sich nicht freikaufen“, heißt es irgendwo im Stück.

Und Erlösung gibt es nicht. Martin Bauch zeigt eine Welt, in der Vergebung und Verzeihung Fremdwörter sind. In der man Schuld nicht abwaschen kann. In der man der Scham nicht entfliehen kann. In der auch Beichte nicht entschuldet. In der wir lügen, wenn wir Schmerz oder Konsequenzen fürchten. In der wir auf die einmal erkannte Wahrheit pfeifen, wenn wir für sie kämpfen sollten. So wie einst Galilei, als er seine (damals) revolutionäre Erkenntnis, dass die Sonne, nicht die Erde, Mittelpunkt der Welt sei, widerrief, als ihm die Inquisition Folter androhte.

 Martin Bauchs Preisträgerdrama erzählt die Geschichte von zwei Menschen, die schuldig geworden sind, die Schuld verdrängen wollen und schließlich daran zugrunde gehen. Stück um Stück fügen sich die Teile zu einem Ganzen, das der Zuschauer erst ganz am Schluss in vollem Ausmaß erkennt. Bauch baut aus verschiedenen Bildern, die nur scheinbar beziehungslos nebeneinander stehen, eine Spannung auf, die bersten muss.

Als das Licht ausging, schwieg das Publikum der Premiere sekundenlang betroffen und beeindruckt.  Dann aber ein einhelliger, langer Beifall. Für ein starkes Stück und dessen Autor. Und für ein starkes Chemnitzer Schauspielteam.

Die nächsten Aufführungen: 1., 13., 26. Juni. 13. September
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